Warum sollte die eigene Resilienz gestärkt werden?
Stellen Sie sich vor, es ist Montagmorgen. Sie kommen an Ihrer Arbeitsstelle an, das Telefon klingelt, E-Mails stapeln sich, und ein dringendes, vollkommen unvorhergesehenes Problem erfordert sofortige Aufmerksamkeit. Gleichzeitig warten langfristige Projekte darauf, vorangebracht zu werden, und Entscheidungen müssen getroffen werden, die weitreichende Auswirkungen haben.
Kommt Ihnen das bekannt vor?
In der heutigen Arbeitswelt sind die Anforderungen hoch, die Belastungen vielfältig. Umso wichtiger ist es, Methoden und Strategien zu entwickeln, um effektiv mit Stress und Krisen umzugehen – oder, wie die Psychologie es nennt: Resilienz zu entwickeln. (Zum Thema „Krisen“ können auch die Artikel IHK-Artikel: Krisensicher und gesund und Krisenmanagement – lieber vor- als nachbereiten für Sie interessant sein.)
Die Resilienz-Fähigkeit zu stärken ist nicht nur ein Beitrag zu mehr persönlichem Wohlbefinden und Gesundheit, sondern auch ein entscheidender Faktor am Arbeitsplatz. Resiliente Menschen fördern ein positives Teamklima, zeigen mehr Arbeitsengagement1 und sind dadurch ein wesentlicher Beitrag zum langfristigen Erfolg eines Unternehmens.
Mit diesem Artikel starten wir unsere Blogreihe “Resilienz – sieben Wege zu mehr innerer Stärke”. Hier stellen wir Ihnen vor, was Resilienz bedeutet und warum sie im beruflichen Alltag essenziell ist. In den folgenden Artikeln lernen Sie alltagsnahe Strategien, mit denen Sie jede der insgesamt sieben Faktoren der Resilienz sofort umzusetzen können. Am Ende unserer Blogartikel-Reihe werden Sie nicht nur verstehen, was Resilienz wirklich bedeutet, sondern auch wissen, welche Bereiche Sie persönlich gezielt stärken können. Sie werden also wissen, wie Sie Ihre Resilienz stärken können.
Was ist Resilienz?
Resilienz ist trotz ihrer Popularität immer noch schwer zu definieren. In seiner psychologischen Bedeutung wurde der Begriff Resilienz von den Forscherinnen Emmy Werner und Ruth Smith (1982) geprägt. In einer Langzeitstudie entdeckten sie, dass einige Kinder, die unter sehr ungünstigen Bedingungen (z.B. chronische Armut, ausgeprägte familiäre Konflikte, psychisch belastete oder erkrankte Eltern) aufwuchsen, sich dennoch positiv entwickelten – als ob die ungünstigen Bedingungen einfach an ihnen abprallen würden. Abgeleitet vom lateinischen Wort „resilire“, was übersetzt „zurückspringen“ oder „abprallen“ bedeutet, nannten Werner und Smith diese Kinder resilient.
Heute verstehen wir unter Resilienz jedoch weit mehr als nur ein Schutzschild, an dem Stress abprallt. Resilienz bedeutet, flexibel auf Herausforderungen zu reagieren und geeignete Strategien zu entwickeln, um mit Belastungen umzugehen. Dabei spielt vor allem die äußere Unterstützung und soziale Eingebundenheit eine wesentliche Rolle. Doch auch innere Ressourcen wie Optimismus, das Wissen um die eigenen Werte oder Problemlösefähigkeiten leisten einen wichtigen Beitrag zur Resilienz und stehen mit dem Aufbau und der Pflege eines sozialen Netzwerkes in Wechselwirkung.
Ein Beispiel aus dem Arbeitsalltag: Stellen Sie sich vor, ein wichtiges Projekt scheitert unerwartet. Ein resilientes Teammitglied bleibt nicht bei der Enttäuschung stehen, sondern fragt sich: „Welche Unterstützung brauche ich jetzt? Was kann ich und was können wir als Team daraus lernen? Wie können wir es beim nächsten Mal besser machen?“ Diese Haltung spiegelt deutlich zwei der sieben Kernkompetenzen von Resilienz wider: lösungsorientiertes Denken und den gezielten Einsatz von Ressourcen. Es ist ein aktiver Prozess, der angestoßen und verfolgt wird – und geht damit weit über ein passives „Abprallen“ von Stress hinausgeht.
Das „seelische Immunsystem“
Resilienz wird häufig als das “Immunsystem für die Seele” bezeichnet. Ein gut entwickeltes seelisches Immunsystem kann äußere Belastungen abwehren und ihre schädlichen Folgen abmildern. So wie ein starkes körperliches Immunsystem Krankheitserreger bekämpft, schützt eine ausgeprägte Resilienz-Fähigkeit vor psychischen Belastungen.
Ein weiteres Beispiel aus dem Arbeitsalltag: Stellen Sie sich vor, Sie müssen in einer besonders hektischen Woche unzählige Entscheidungen treffen. Mit einem schwachen seelischen Immunsystem fühlen Sie sich möglicherweise von den vielen Anrufen, Nachrichten, Terminen und Aufgaben wie gelähmt. Haben Sie jedoch ein gut ausgeprägtes seelisches Immunsystem, greifen Sie als resiliente Person auf Ihre inneren und äußeren Ressourcen zurück, priorisieren klar und suchen gezielt Unterstützung im Team.
Diese Fähigkeit, auch unter Stress handlungsfähig zu bleiben, ist ein wesentlicher Aspekt von Resilienz. Mit einem starken seelischen Immunsystem können Sie Belastungen und Krisen nicht nur bewältigen, sondern sie bestenfalls auch als Chance für Ihre persönliche Weiterentwicklung nutzen.
Wie kann ich meine Resilienz trainieren und stärken?
Vielleicht haben Sie schon ein starkes seelisches Immunsystem – aber Ihre Kollegen könnten noch davon profitieren? Oder umgekehrt?
So wie das körperliche Immunsystem stärker oder schwächer ausgeprägt sein kann, gilt dasselbe für die Resilienz. Doch genau wie unser körperliches Immunsystem durch den Kontakt mit Krankheitserregern gestärkt wird, kann auch unser seelisches Immunsystem stärker werden.
Reichhart und Pusch (2023) beschreiben Resilienz als einen lebenslangen und dynamischen Prozess. Wer also die eigene Resilienz stärken möchte, wird dies weder innerhalb weniger Wochen bewältigen noch ohne Rückschläge auskommen – aber es lohnt sich: Zwillingsstudien legen nahe, dass ca. 50% unserer Resilienz-Fähigkeit trainierbar sind. Wir können also jederzeit lernen, resilienter zu werden.
Doch wie genau sieht ein Training der eigenen Resilienz-Fähigkeit konkret aus? Diese Frage lässt sich am besten beantworten, wenn wir die Faktoren der Resilienz einzeln betrachten.
Die sechs Faktoren zur Stärkung der Resilizenz
In der wissenschaftlichen Literatur werden zahlreiche Faktoren diskutiert, die zur Resilienz beitragen können. Diese variieren oft in der Anzahl. Manchmal sind es sechs, sieben oder sogar zehn. Allen Faktoren ist jedoch gemein, dass sie sich auf ähnliche Grundhaltungen und Praktiken beziehen.
Die wahren Faktoren gibt es nicht. Wir orientieren uns an sechs Resilienz-Faktoren nach Reichhart und Pusch (2023), die besonders praxisnah sind und auch im Erwachsenenalter gut trainiert werden können:
- Selbstregulation: Emotionen und Impulse bewusst steuern
- Optimismus: Zuversichtlich in die Zukunft blicken
- Soziale Unterstützung: Rückhalt durch Kollegen, Freunde und Familie
- Selbstwirksamkeit: Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten
- Zukunfts- und Lösungsorientierung: Den Blick auf Möglichkeiten statt auf Ursachen lenken
- Werte- und Sinnorientierung: Die Verbindung zu persönlichen Überzeugungen
Jeder dieser Faktoren wird in den kommenden Artikeln ausführlich beleuchtet. Sie erfahren, warum diese Faktoren wichtig sind, wie Sie diese trainieren und leicht in Ihren Alltag einbinden können.
Fazit
Resilienz ist das Immunsystem der Seele, das uns auch in schwierigen Situationen handlungsfähig und gesund hält (siehe auch Warum ist mentale Gesundheit im Beruf wichtig?).
Die Resilienz zu stärken ist dabei ein lebenslanger und dynamischer Prozess, der durch gezielte Übungen und Techniken gefördert werden kann. Unternehmen können ihre Führungskräfte und Mitarbeitenden durch Resilienz-Coachings und Trainings gezielt unterstützen und so nicht nur das individuelle Wohlbefinden, sondern auch die Leistungsfähigkeit und Zufriedenheit im Unternehmen steigern.
In den folgenden Artikeln nehmen wir die sechs Resilienz-Faktoren einzeln unter die Lupe. Freuen Sie sich auf praxisnahe Tipps und Methoden, die Ihnen zeigen, wie Sie Ihre persönliche Resilienz systematisch stärken können, denn Resilienz ist trainierbar! Abonnieren Sie unseren Blog oder nehmen Sie Kontakt mit uns auf, um weitere Einblicke und individuelle Unterstützung auf Ihrem Weg zu mehr Resilienz zu erhalten.
- Arbeitsengagement meint nicht zwingend mehr Arbeit. Vielmehr handelt es sich um die Art und Weise, wie einer Arbeit nachgegangen wird. Arbeitsengagement aus psychologischer Sicht zeichnet sich durch Vitalität, Hingabe und Absorbiertheit (Schaufeli et al., 2002) aus. Dass dabei nicht selten auch die Arbeitsquantität gesteigert wird, ist ein positiver Nebeneffekt. ↩︎
Quellen:
- Werner, E. E., & Smith, R. S. (1982). Vulnerable but invincible: A study of resilient children. McGraw-Hill
- Reichhart, T., & Pusch, C. (2023). Resilienz-Coaching. Ein Praxismanual zur Unterstützung
von Menschen in herausfordernden Zeiten. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-658-
37432-7